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Hals-Nasen-Ohren-OP im Marienhospital Aachen

Wie der Leidensweg des kleinen Matteo endlich endete

Autorin: Madeleine Gullert

Redakteurin Aachener Zeitung

Dr. med. Alfred Nachtsheim und Prof. Dr. med. Adam Kurzeja mit ihrem kleinen Patienten Matteo und seinen Eltern.
Dr. med. Alfred Nachtsheim und Prof. Dr. med. Adam Kurzeja mit ihrem kleinen Patienten Matteo und seinen Eltern.
Dr. med. Alfred Nachtsheim

HNO-Belegarzt
Dr. med. Alfred Nachtsheim

  • Telefon: 0241/505955
Professor Dr. med. Adam Kurzeja

HNO-Belegarzt
Professor Dr. med. Adam Kurzeja

  • Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde
  • Plastisch Ästhetische Operationen
  • Spezielle Kopf- und Halschirurgie
  • Stimm- und Sprachheilkunde
  • Allergologie

Der kleine Matteo läuft fröhlich durch die HNO-Praxis am Marienhospital Aachen. „Das ist ja schon eine riesige Veränderung“, sagt Dr. med. Alfred Nachtsheim, Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der den 20 Monate alten Jungen eine Woche zuvor im MARIEN operiert hatte. Matteo hat ein Paukenröhrchen, also ein kleines Röhrchen, ins Trommelfell eingesetzt bekommen, damit das Ohr gut durchlüftet wird. Zuvor hatte er wie so viele Kleinkinder inzwischen mit Mittelohrentzündungen zu kämpfen.

Matteos Eltern, Sandra und Timo Bergs, sind erleichtert, dass ihrem Sohn geholfen werden konnte. Die Wartezeiten für Paukenröhrchen-Operationen sind bundesweit lang, sehr lang: Teils warten Familien bis zu einem Jahr von der Diagnose bis zum Eingriff. Hintergrund ist, dass der Eingriff nicht gut bezahlt wird, sodass sich immer mehr Ärzte aus dem Bereich zurückziehen. Familien wie die Bergs werden dann zum Spielball der Auseinandersetzungen zwischen Ärzten, Krankenkassen und der Politik, die seit mehr als zwei Jahren läuft. Bislang ohne Lösung.
Die Bergs sind aus Rurdorf, ein Stadtteil von Linnich, nach Aachen gekommen, um ihren kleinen Sohn operieren zu lassen. Sie haben bereits eine Tortur hinter sich. „Matteo hatte in den letzten 14 Monaten sechs Mittelohrentzündungen, er hatte ständig Fieber, eitrige Ohren, war nicht fit“, berichtet Sandra Bergs. Eine Behandlung mit Antibiotika folgte auf die nächste. Zuletzt wirkte das Antibiotikum nicht mehr. „Die Kinderärztin hat die Sorge geäußert, dass Matteo vielleicht sogar schon resistent gegen die gängigen Antibiotika ist“, sagt Sandra Bergs. Kein schöner Gedanke.

Als klar ist, dass Matteo eine Operation benötigt, beginnt für die Bergs die Suche nach einem HNO-Arzt, der einen Termin frei hat. „In einer Klinik hätten wir noch Monate warten müssen, durch Zufälle und viel Glück sind wir an die Praxis am Marienhospital geraten“, sagt Bergs. Und durch noch mehr Glück konnte Matteo sehr schnell operiert werden, weil ein anderes Kind zu krank für die OP war und Matteo so von der Warteliste nach vorne rücken konnte.
Auch ohne dieses „Glück“ hätte Matteo innerhalb von zwei bis drei Monaten operiert werden können, wie HNO-Arzt Nachtsheim erklärt. Die Wartezeiten seien noch vergleichsweise gering, weil es in der Praxis vier Operateure gibt. „Wir machen das aus Überzeugung und Leidenschaft“, sagt Nachtsheim. „Unser Land lebt vom Nachwuchs.“

Schnelles Handeln sei bei häufigen Mittelohrentzündungen außerdem essenziell, erklären Nachtsheim und Professor Adam Kurzeja, der gemeinsam mit Nachtsheim Belegarzt am Marienhospital ist. „Mittelohrentzündungen hinterlassen ein Loch im Trommelfell, das hat meist Sprachentwicklungsverzögerungen zur Folge“, erklärt Kurzeja. Bis zu einem Alter von 18 Monaten bahne sich die Sprache bei Kindern an, danach entwickele sich die Sprache. Wer in diesem Zeitraum von ständigen Ohrentzündungen geplagt ist, dadurch Schmerzen hat und schlechter hört, entwickelt sich anders als ein gesundes Kind.
Auch der kleine Matteo ist sprachlich noch nicht so weit wie Gleichaltrige, sagen seine Eltern. Die Bergs sind froh, dass die OP nun stattgefunden hat, damit Matteo viel aufholen kann und ohne Beeinträchtigungen im August in die Kinderbetreuung starten kann.

Nicht jedes Kind hat so viel Glück wie Matteo. Inzwischen seien die Wartezeiten so lange, dass manche Kinder während der Wartezeit auf den erlösenden OP-Termin mit Hörgeräten ausgestattet werden. „Ein Kinderhörgerät kostet rund 3000 Euro“, sagt Nachtsheim und wirkt dabei etwas aufgebracht.
In unserer Region gibt es noch HNO-Abteilungen an der Uniklinik Aachen, am Marienhospital und am Luisenhospital. Aachen ist also gut ausgestattet. Im Kreis Düren werden Paukenröhrchen am St.-Marien-Hospital, im Kreis Heinsberg am Städtischen Krankenhaus eingesetzt. Weil aber in ganz NRW immer mehr Ärzte aufgeben, kommen auch Familien vom Niederrhein, aus Rheinland-Pfalz oder Köln nach Aachen, berichtet das Ärzte-Team. So füllen sich auch in unserer Region die Wartelisten. Den Eingriff können auch niedergelassene Ärzte ambulant vornehmen, die Zahl der Ärzte, die das macht, ist unbekannt.
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) vergütet das Einsetzen eines Paukenröhrchens nach eigenen Angaben mit insgesamt bis zu 277 Euro. Die Vergütung setzt sich laut GKV zusammen aus 111 Euro für den direkten Eingriff, bis zu 47 Euro für die postoperative Überwachung und Nachbeobachtung und 119 Euro für die Anästhesie. Auf seiner Website betont der Verband, dass der Eingriff in der Regel 15 bis 20 Minuten dauere und die Vergütung fair sei.

Die Ärzteschaft sieht das aber anders. Die Vergütung für ambulante HNO-Eingriffe wie das Einsetzen von Paukenröhrchen, Polypen- und Mandelverkleinerungen wurden abgesenkt. Das war die Folge einer im Dezember 2022 beschlossen Reform des GKV-Spitzenverbands und der Kassenärztliche Bundesvereinigung. Im Zuge dieser Reform wurde auch beschlossen, andere, kompliziertere Eingriffe besser zu vergüten. Der GKV rechnet immer wieder vor, wie gut HNO-Praxen und HNO-Ärzte finanziell dastehen.

Alfred Nachtsheim dagegen rechnet vor, dass bei ihm beziehungsweise beim Arzt allgemein nur etwa 50 Euro bleiben von den 277 Euro, die die Krankenkassen für den Eingriff zahlen. Die Narkose, die OP-Räume im Marienhospital und die Pflegekräfte kosten Geld.
Auch bei Carsten Jochum, Geschäftsführer des Marienhospitals, bleibt unterm Strich „ehrlich gesagt nichts“. Aber obwohl ein Geschäftsführer eines Krankenhauses natürlich lieber schwarze Zahlen schreibt, betont Jochum, für wie wichtig er und die Alexianer die HNO-Belegabteilung halten. Das Marienhospital darf diese Abteilung auch weiterhin behalten. Die NRW-Krankenhausreform hat aber zur Folge, dass die Belegabteilungen an anderen Standorten schließen. In unserer Region sind das die HNO-Abteilungen etwa am Rhein-Maas-Klinikum in Würselen, aber auch in Stolberg.

„Geld darf in der Kinder- und Jugendmedizin kein Faktor sein“, sagt Jochum, der vor seinem Antritt in Aachen an der Kinderklinik in Siegen Geschäftsführer war. Bei Kindern und Jugendlichen werde besonders schnell gespart, ist sein Eindruck. „Es ist die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass solche Eingriffe wie das Einsetzen eines Paukenröhrchens auskömmlich sind“, fordert Jochum. Er selbst betont, wie wichtig, schnelles Handeln ist. Sein dreijähriger Sohn sei in der Entwicklung verzögert gewesen, bis die erlösende OP stattgefunden habe.

Mehr Kinder als früher leiden laut Adam Kurzeja unter Mittelohrentzündungen. Das führt der Mediziner auf Umwelteinflüsse, eine fehlende Immunisierung der Kinder und ein breiteres Bakterienspektrum zurück. „Heutzutage finden wir im Ohr Bakterien, die üblicherweise nur im Darm vorkommen“, sagt Kurzeja, um ein Beispiel zu nennen. Mehr Kinder benötigen also die rettende OP. Das Ohr heilt innerhalb von zwei bis vier Monaten. Das Paukenröhrchen fällt nach einigen Monaten selbst aus dem Ohr. Nur fünf bis zehn Prozent der jungen Patienten müssen laut Kurzeja erneut im Laufe der Kindheit ein weiteres Paukenröhrchen eingesetzt bekommen. „Im schlimmsten Fall können wir auch dauerhafte Paukenröhrchen einsetzen“, erklärt Nachtsheim. Wenn Kinder gut versorgt würden, löse sich das Problem häufiger Mittelohrentzündungen in der Regel im Jugendalter.

Wer jedoch nicht behandelt wird, trage oft bleibende Schäden davon. „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, bis das Ohr geschädigt wird“, sagt Kurzeja. Die Belegärzte am Marienhospital haben ihre Kapazitäten erhöht, damit der Wettlauf gegen die Zeit häufiger gewonnen wird.
„Kinder sind die Zukunft“, sagt Nachtsheim. „Aber sie haben keine Lobby in unserer Gesellschaft.“